Ideen
Siggi:
Und was machen wir jetzt?

Suntfort:
Wir gehen den Drachen begrüßen.

Siggi:
Wir? Ich begrüße keine Drachen!

Suntfort:
Warum nicht?

Siggi:
Das ist auch eine andere Geschichte.

Suntfort:
Also gut, dann gehe ich alleine.

Siggi:
Tu das nicht!

Suntfort:
Wenn ich ihn nicht begrüße, kann ich ihn nicht nach dem Weg fragen.

Siggi:
Na das wird eine Geschichte.

Suntfort geht auf den Drachen zu während Siggi im Versteck bleibt.

Suntfort:
Hallo!

Drache:
Hallo!

Der Drache speit ein wenig Feuer und entzündet einige trockene Zweige, die vor Suntforts Füßen liegen.

Suntfort:
Danke.

Suntfort wärmt sich die Pfoten.

Drache (raunzt):
He! Du müßtest dich jetzt fürchten.

Suntfort:
Warum?

Drache:
Weil ich ein Drache bin.

Suntfort(freundlich):
Das weiß ich, und wenn du das wünscht fürchte ich mich.

Drache (nölt):
Nein, nein, du mußt dich fürchten, weil ich fürchterlich bin.

Suntfort:
Oh, entschuldige. Das habe ich nicht gewußt.

Drache (faucht):
Das weiß doch jeder!

Suntfort: (höflich):
Ich bin nicht Jeder. Ich bin Suntfort.

Drache (erstaunt):
Und Suntforts fürchten sich nicht?

Suntfort:
Jedenfalls nicht vor Drachen.

Drache:
Was machen Suntforts dann?

Suntfort:
Ich suche ein Herz.

Drache:
Herzen gibt es hier nicht.

Darüber scheint der Drache sehr zufrieden zu sein.

Suntfort: (traurig):
Das ist schade. Aber weißt du vielleicht, wo es Herzen gibt?

Drache:
Ja!

Suntfort:
Ja!! Ich meine wirkliche, echte, rote Herzen? Eines würde schon genügen!

Drache:
Ja!

Jetzt ist Suntfort wirklich erfreut.

Suntfort:
Und wo?

Drache:
Es ist nicht in der Nähe.

Der Drache hebt eine Tatze und bewunderte beiläufig seine langen, grünen Krallen.

Drache:
Es ist sogar ziemlich weit entfernt.

Suntfort:
?!?!

Drache:
Drei Drachenflugstunden von hier, an einem Strand. Es ist eine ganze Kolonie!

Suntfort:
Eine Kolowas?

Drache:
Eine Kolonie! Ich würde sagen so 20 bis 30 Herzen leben dort. Mit kleinen Hütten und Musik und Hula Hula und sowas.

Der Drache genießt die Situation jetzt sichtlich.

Suntfort (ganz aufgeregt):
Kannst du mir den Weg dorthin zeigen?

Der Drache blickt verächtlich auf Suntforts kurze Beinchen.

Drache:
Drei Drachenflugstunden, verstehst du, das ist zu weit für dich.

Suntfort:
Wie weit sind drei Drachenflugstunden in Suntfortgehstunden?

Suntfort will sich noch nicht geschlagen geben.

Drache:
Keine Ahnung. Drachen können nicht rechnen, aber eine Suntfortgehstunde kann nicht sehr weit sein. Vielleicht tausendviersiebenzwölfzig.

Suntfort (flüsternd):
Tausentviersiebenzwölfzig!

Und jetzt geschieht Suntfort etwas, das ihm noch nie passiert war, noch nicht einmal in seiner Kindheit: Suntfort fängt an zu weinen!

Suntfort (schluchzend):
Das ist mir noch nie passiert... entschuldige... noch nicht einmal, als ich noch klein war... entschuldige... Aber... Ich...wir... ich bin so weit gewandert... so viele falsche Herzen... ich bin müde.....und ich will nach Hause... ich möchte mein gemütliches... schönes Zuhause… ohne ein quengeliges Herz darin wieder haben...

Und dann geschieht noch etwas merkwürdiges: Der Drache der eben noch so zufrieden gewesen war, wird sehr, sehr aufgeregt.

Drache (rufend):
He, he du! He, du, Suntfort. Hör sofort auf!

Suntfort:
... nun weiß ich endlich, wo es echte Herzen gibt... und es ist zu weit weg für mich!!!

Drache:
Das ist gemein! Wer hat dir das verraten? Verräter!! Wer war’s??

Suntfort:
... drei Drachenflugstunden!!!!

Drache:
Hör auf! Hör auf. Bitte!

Suntfort:
Was ist los?
Suntfort blinzelte erstaunt durch seine Tränen.
Was los ist?

Drache (fast kleinlaut):
Niemand kann Drachen besiegen, niemand außer Tränen. Aber das ist ein großes Drachengeheimnis. Es darf keinem Nicht-Drachen verraten werden. Weinen macht uns willenlos. Wir müssen dem Weinenden gehorchen.

Suntfort:
Wirklich?

Suntfort bemühte sich tapfer, weitere Tränen zu vergießen. Gleichzeitig dachte er fieberhaft nach. Inzwischen ist Siggi vorsichtig an Suntfort herangeschlichen.

Siggi:
Mach weiter! Du hast ihn! Du machst das echt gut!

Suntfort (leise):
Ich weiß. Wenn es mir gelingt, weiter zu weinen, dann könnte ich vielleicht den Drachen dazu bringen, uns auf seinem Rücken zu den Herzen zu Fliegen!

Siggi:
Ein guter Plan! Nur so traurig ist das dann nicht mehr. Wie willst du die ganze Zeit heulen?

Drache:
He, wer ist das?

Suntfort (laut):
Das ist Siggi!

Drache:
Was will er hier?

Suntfort:
Er will mich trösten.

Drache:
Er sieht nicht tröstlich aus.

Suntfort:
Nein, leider nicht.
(leise zu Siggi):
Ich hab zwar keine Erfahrung mit dem Weinen, aber ich hatte einen klugen Großvater, der im Übrigen in vielen Jahren Drachenforschung nicht herausgefunden hat, das Weinen Drachen willenlos macht. Aber er hat mir erzählt, dass man durch nichts so leicht zum Weinen gebracht werden könne, wie durch ein schönes Lied.

Siggi:
Ich kann nicht singen.

Suntfort (leise):
Nein. Das kannst du nicht.
(laut schluchzend zum Drachen):
Kannst du Singen?

Drache:
Natürlich! Alle Drachen können singen. Warum willst du das wissen?

Suntfort:
Weil das einzige, das einen Suntfort vom Weinen abhalten kann, ein schöner Gesang ist.

Drache:
Wirklich!?

Der Drache beginnt sofort zu singen.

Siggi:
Er singt wunderschön.

Suntfort (flüsternd):
Das hatte ich gehofft, ich bin so herrlich gerührt, dass ich ohne Schwierigkeiten weiter weinen kann.

Drache (klagend):
Du weinst ja immer noch.

Suntfort (schluchzend):
Nicht schön genug.

Also gibt sich der Drache noch größere Mühe.

Siggi:
Mann bist du raffiniert.
CAROLINE NEVEN DU MONT